Bethzabday


Aramäischer Name: Bethzabday
Arabischer Name: Azech
Kurdischer Name: Hasach
Türkischer und offizieller Name seit der Ernennung zur Distrikthauptstadt: Idil


Azech befindet sich in Südostanatolien im Grenzgebiet zu Syrien. Es liegt auf einer Linie zwischen Mardin und Cizre. Die Entfernung Mardin-Azech beträgt 128, Azech-Cizre 30 Km.

Die Kleinstadt zählt heute rund 15000 Einwohner, überwiegend kurdische Muslime. Vor 40 Jahren war Azech noch die Heimat Arabisch sprechender Christen. Sie sind im Ursprung Aramäer und nahmen im Laufe der Zeit die arabische Sprache an. Neben Arabisch sprachen die Einwohner dieser Stadt die Sprache ihrer kurdischen Nachbarn. Wer die Schule besuchte, beherrschte Türkisch in Wort und Schrift. Hocharabisch oder Aramäisch wurden in einer Religionsschule in der Mariannenkirche illegal unterrichtet.

Die Geschichte der Einwohner in dieser Stadt ist vom Kampf um die Bewahrung der kulturell-religiösen Identität inmitten einer kurdisch-muslimischen Umgebung geprägt. Den Alltag mit den kurdischen Nachbarn bestimmten sowohl friedliche Koexistenz und gute geschäftliche Beziehungen als auch täglicher Kleinkrieg bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen in dieser Region. Unentwegt galt es, sich als christliche Minderheit zu behaupten: unter dem langen Arm der Hohen Pforte, später unter der straff-bedingungslosen Hand der Jungtürken und schließlich unter der Ägide gleichgültig abweisender Beamten der Türkischen Republik. Hinter den Kulissen zogen meist die eigentlichen Machthaber der Region die Fäden: die kurdischen Aghas. Sie waren Fürsprecher der christlichen Nachbarn bei der Obrigkeit oder ließen sie fallen und bekämpften die Christen im Namen der Staatmacht. Nicht selten hatten die Aghas das Schicksal der Christen in ihrer Hand.

Heute haben bis auf wenige Familien, nahezu alle Christen Azech verlassen. Die verschiedenen Flucht- und Auswanderungswellen werden im folgenden kurz zusammengefasst.


Anfang des 19. Jh. leitete Schammas Stayfo die Geschicke von Azech. Viele Geschichten und Legenden ranken sich um seine Person. Er genoß höchste Anerkennung als außergewöhnlich mutiger, gescheiter und zugleich bescheidener Mann. Er sah das Verderben, in das sein Neffe Shaq Bazo die Stadt führen würde, vorher. Ungeachtet dieser Warnung ernannten die Stadtbewohner Azechs Shaq Bazo zum Nachfolger von Semmas Stayfo und beschworen damit die erste große Vertreibung herauf. Shaq Bazo nämlich verweigerte dem Mire Bota, dem kurdischen Emir von Bota, der seinen Sitz in der heutigen Stadt Cizre hatte, den üblichen Tribut. Schlimmer noch: Shaq Bazo machte die Soldaten des Mire Bota zum Gespött und schickte sie gedemütigt zurück. Der Mir reagierte prompt. Er überfiel Azech gemeinsam mit Mire Kora, dem "einäugigen Emir" von Rawanduz. Der Ferman Rawenduz, wie der Überfall noch heute unter den Leuten aus dieser Stadt genannt wird, leitete die erste große Fluchtbewegung in der Geschichte von Azech ein. Zahlreiche Mädchen und Frauen wurden in den Irak entführt. Es war der Auftakt zu einer jahrzentelangen Tragödie von Flucht, Vertreibung und Auswanderung.

Immer wieder gab es bewaffnete Auseinandersetzungen mit kurdischen Stämmen. Häufig kämpften diese im Namen der Obrigkeit, meist jedoch hatten sie ihre eigene Unabhängigkeit im Sinn, bisweilen nur schlichte Bereicherung.

Zur Zeit des ersten Weltkriegs, als die Armenier auf der Seite Rußlands gegen die Mittelmächte und deren osmanische Verbündete kämpften, griffen kurdische Soldaten im Namen der Osmanen auch andere christliche Dörfer an. Zahlreiche Dörfer wurden damals zerstört. Nur in wenigen konnte die christliche Bevölkerung den Angriffen standhalten- Azech war eines davon. Die Alten berichten nicht ohne Stolz über die entbehrungsreiche Zeit der "Kurdenangriffe" während des Ersten Weltkrieges und ihren erfolgreichen Wiederstand gegen die Angreifer. Azech wurde damals nicht zerstört, das Vertrauen vieler Familien in ihren Ort als sichere Heimat aber war erschüttert. Viele wanderten aus, vor allem in das nahegelegene Qamischli im heutigen Syrien sowie in den Libanon.


Nach dem Ersten Weltkrieg verliehen Kemal Atatürk und seine neue laizistische Türkische Republik Christen und Muslimen die gleichen Rechte als Staatsbürger. Damit verbesserten sich die allgemeinen Lebensbedingungen der Christen, und das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen entspannte sich in der Folge etwas.

Die Entspannung jedoch war nicht von Dauer. Mit dem Tod Atatürks und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrten wieder schlechte Zeiten ein. Viele Männer wurden eingezogen. Eine große Hungersnot herrschte zur Zeit der Inflation im Tur Abdin. Hinzu kamen immer wieder Auseinandersetzungen mit kurdischen Muslimen. In ihren Geschichten erinnern die Alten an die schweren Hungersnot in der es nichts zu essen gab und die Not entsprechend groß war.

Hunderte Familien wanderten zu dieser Zeit in das nur 20 Kilometer südöstlich liegende Derike (Malikiyye) im heutigen Syrien aus. Heute zählt Derike mehrere tausend christliche Bewohner, die aus Azech ausgewandert sind.

Ein weiterer Markstein der Auswanderungsgeschichte war die Zypernkrise im Jahr 1964. Vor dem Hintergrund der griechisch-türkischen Auseindandersetzungen wurde von seiten der Kurden auf die Christen des Tur Abdin erneut verstärkt Druck ausgeübt. Von den damaligen Übergriffen berichten die Alten von Azech in ihren Erzählungen von Entführungen und Morden. Wieder verließen viele Christen Azech. Meist folgen sie bereits ausgewanderten Verwandten nach Derike und Qamischli.

Neben Handwerk betrieben die Bewohner dieser Stadt hauptsächlich Landwirtschaft. Sie lebten vom Anbau von Getreide, Wein, Obst und Gemüse sowie von der Vieh- und Bienenzucht. Mit Ackerbau und Viehzucht konnten keine Reichtümer angehäuft werden. Die Äcker waren steinig und nicht übermäßig ertragreich. Plünderungen von Feldern und Weinbergen und die Abholzung von Obstbäumen durch Kurden kamen erschwerend hinzu. Die Lebensgrundlage der Bauern schwand nach und nach.

Als zu Beginn der 60er Jahre ein Rekrutierungsbüro in Diyarbakir Fremdarbeiter für Deutschland anwarb, meldeten sich auch einige Männer aus Azech. Sie wollten von Deutschland aus ihre Familien in der Heimat unterstützen, Diesem Beispiel folgend schickten immer mehr Familien ihre erwachsenen Söhne zum Arbeiten nach Deutschland, damit diese so zum Lebensunterhalt der Familien in Azech beitragen konnten.

Auswanderung nach Europa hatten die Bewohner der Stadt, zum damaligen Zeitpunkt nicht im Sinn. Zwar war das Verhältnis zu den Kurden nach wie vor kompliziert und die ökönomische Lage der meisten Familien schwierig, aber die Mehrzahl der Leute wollten die Heimat nicht aufgeben.

Als im Jahre 1974 im Vorfeld der Bürgermeisterwahlen auf offener Straße ein Attentat auf den Christlichen Bürgermeister und einige einflussreiche Männer verübt wurde, und ein Muslim sich anschickte den "traditionell" christlichen Bürgermeister abzulösen, waren viele Christen verunsichert. In den folgenden Jahren fand die bisher größte Auswanderungswelle, diesmal nach Europa statt. Sie erreichte ihren Höhepunkt 1978, als ein Muslim das Amt des Bürgermeisters übernahm. Nun sahen die meisten Christen in Azech keine Zukunft mehr. Land und Besitz waren ohnehin übernommen worden. Was noch nicht in kurdischer Hand war, wurde von den Auswanderern an die neuen Leute von Azech verpachtet.


Heute leben die Christen aus Azech überall, nur nicht in Azech. So lebt ein großer Teil in Syrien, in den grenznahen Orten Derike (Malikiyye) und Qamischli.

Größere Gemeinden haben sich in einigen Orten und Gegenden Schwedens, der Schweiz und Deutschland gebildet. So gibt es im schwedischen Norrköping eine Gemeinde von etwa 200 Familien, in der Nähe von Zürich (Baden und Umgebung) etwa 120 Familien, im Tessin (Lugano, Locarno und Bellinzona) etwa 100 Familien. In Deutschland leben in Stuttgart und Umgebung etwa 100 Familien, in Bad Vilbel und Umgebung etwa 100 Familien, in Pfullendorf etwa 100 Familien, in Böhl-Iggelheim und Umgebung etwa 30 Familien. Einzelne Familien finden sich in Aalen, Augsburg, Hamburg, Gelsenkirchen, Calw, Balingen und Göppingen. Auch in Frankreich, Österreich, Italien, Australien und den Vereinigten Staaten haben sich einzelne Familien niedergelassen.

Etwa 50 Pfarrer der syrisch-orthodoxen Kirche halten heute in ganz Deutschland regelmäßig Gottesdienste ab und kümmern sich um das Seelenheil der Gläubigen. 1997 wurde für die syrisch-orthodoxen Christen in Deutschland eine Diözese gegründet. Die Diözese Deutschland hat ihren Sitz im ehemaligen Dominikanerkloster in Warburg (Nordrhein-Westfalen), Oberhaupt ist Metropolit Mar Dionosius Isa Gürbüz.

Glaube, gemeinsame Herkunft und nicht zuletzt ein eigenständiger Dialekt vermitteln den Leuten von Azech auch in ihren neuen Gemeinden ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.


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